Real Madrid: Unverständliche Cantera-Politik

 

Real Madrid fährt eine seltsame Cantera-Politik im Moment. Das muss mit aller Vorsicht und sehr differenziert kommentieren, wer nicht in den Entscheidungszentren sitzt, aber mindestens unverständlich ist es sehr wohl. Da wird der rechte Aussenverteidiger von Castilla verkauft, bevor man den entsprechenden Platz in der A-Mannschaft – vor oder hinter Arbeloa – besetzt hat. Und wer sorgt nun dafür, dass Castilla die Kategorie in der 2. Liga halten kann, wenn mit der Cantera Kasse gemacht werden soll? Mehr Fragen als Antworten …

Als wir im vergangenen November den Artikel „Nur zwei Neuzugänge in 2012“ publizierten, bestand im Bernabeu noch der feste Plan, den rechten Aussenverteidiger der Castilla, Dani Carvajal, in die erste Mannschaft hochzuziehen, weil man volles Vertrauen in seine Entwicklung hatte. Das passierte nicht; statt dessen hat man ihn nun, samt Rückkauf-Option, nach Leverkusen verkauft. Das kann zu Ausbildungszwecken normalerweise durchaus Sinn ergeben, in diesem Fall aber eher nicht.
Arbeloa braucht einen Kollegen auf dem Rechtsverteidigerposten. Die Verpflichtung dürfte empfindlich teurer werden, wenn die „Option Carvajal“ frühzeitig abgegeben wird.

Carvajal hätte hinter Arbeloa in die erste Mannschaft rücken können. So hätte man sich den Einkauf eines Rechtsverteidigers gespart, der nun quasi Pflicht ist auf einem Markt, der sowieso kaum Spieler auf dieser Position anzubieten hat, die den Anforderung von Real Madrid gerecht werden können. Ausserdem wird nun zwangsläufig jeder in Frage kommende Rechtsverteidiger sofort um fünf bis zehn Millionen teurer, weil jeder weiss, dass in der spanischen Hauptstadt eine Neuverpflichtung unausweichlich ist. Der Transfer-Markt schliesst Ende August. Warum hat man mit der Verkündung des Carvajal-Transfers deswegen nicht wenigstens gewartet, bis ein Rechtsverteidiger für die erste Mannschaft gefunden war?

Ein weiterer Plan löst Stirnrunzeln aus. Der Stürmer Morata soll aus der Castilla in die erste Mannschaft wechseln, so das Projekt. Doch wo ist der Sinn, fragt man sich automatisch? Denn hinter Benzema und Higuaín wird er kaum irgendwelche Einsatzzeiten bekommen. Das einzig logische Ergebnis: Keine Entwicklungsmöglichkeiten für den vielversprechenden Youngster, der zudem auch noch in der 2. Liga fehlen wird, um die neu gewonnene Kategorie sichern zu helfen.

Ähnliche Überlegungen können gelten, wenn es um die Gerüchte der Verkäufe von Joselu (nach Hoffenheim) und Juanfran geht. Natürlich kann man ein bisschen Kasse machen auf diese Art, völlig legitim. Vielleicht bekommen die jungen Spieler von Castilla auch ein bisschen mehr Erstliga-Luft zu schnuppern, falls sie einen Platz in der Stammelf erorbern können, was keineswegs sicher ist. Doch ob es richtig ist, die Jungs jetzt schon ausgerechnet ins Ausland zu schicken, was erfahrungsgemäss erhebliche Adaptations- und Sprachprobleme mit sich bringt, darf getrost bezweifelt werden. Es würde sich sicher auch ein Plätzchen in spanischen Erstliga-Vereinen finden.
Der Aufstieg in die 2. Liga wurde gross gefeiert: Wie soll Castilla die Kategorie halten, wenn die wichtigsten Leistungsträger abgegeben werden?

Vor allem aber steht der eben erst gefeierte Erfolg der Castilla auf dem Spiel, der Schweiss und Tränen gekostet hat: Wie will man in der 2. Liga bleiben können, wenn nun die erfolgreiche Struktur der Mannschaft zerbröselt wird und die Leistungsträger in alle Winde zerstreut werden? Wäre es nicht besser, die erfolgreichen und schlagkräftige Truppe zusammen zu halten und sie in Madrid für irgendwelche Erfordernisse in der ersten Mannschaft ausserdem immer griffbereit zu haben, statt eine Rückkehr von Castilla in die Segunda B zu riskieren? Die aktuelle Cantera-Politik sieht von aussen nicht komplett durchdacht aus.

Und zum Schluss für alle diejenigen, die jetzt in der Versuchung sind, in einem Kommentar ihren Cantera-Lieblingsspieler unbedingt in die erste Mannschaft schreiben zu wollen. Es ist unter den Fans mit dem chronisch schlechten Gedächtnis viel Demagogie im Spiel, wenn es um den Nachwuchs und die „Perlen der Cantera“ geht: Sarabia spielt nicht einmal in Getafe; Juan Carlos spielt nicht in Zaragoza; Mosquera und Mateos – glanzlos hin und zurück; Miguel Torres schafft es so gerade in Getafe … und von Mejía, Pavón oder Ruben wollen wir erst gar nicht anfangen. Alle genannten Namen wollten viele Fans „unbedingt in der ersten Mannschaft“ sehen. Also den flachen Ball mit der Kirche im Dorf lassen, por favor!

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8 Kommentare zu “Real Madrid: Unverständliche Cantera-Politik

  1. almabu sagt:

    Also, wer den Ball stoppen kann und den obligatorischen Deutsch-Test der Arbeits-Agentur besteht, dem ist ein Platz in der Ersten Bundesliga so-gut-wie-sicher, wenn er über 65 kilo pro Jahr verdient!
    Danach heisst für die begehrten Iberer in Alemania das Motto „Follando como loccos!“

  2. heienr sagt:

    Man muss das alles auch ein bisschen auseinanderhalten. Der Sprung von der dritten Liga in die A – Mannschaft ist doch zu groß. Es ist ein Traum, wenn jemand glaubt, dass innerhalb von zwei – drei Jahren 4 -6 Spieler der Cantera den Sprung in die A-Mannschaft schaffen. Höchstens ein – zwei Spieler haben das Zeug dazu. Der Rest wird sich woanders umschauen müssen. Dazu kommt, dass die genannten Spieler wohl von sich aus selber wechseln wollen. Also was soll Real Madrid machen? Zwingen kann man niemanden bei Real zu bleiben, also ist ein Verkauf die bessere Lösung. Setzen sie sich durch, dann kann man sie immer noch zurückkaufen.

    • uhupardo sagt:

      Das klingt generell gut, aber eben nur generell. Wenn man es auf Einzelfälle herunter zieht, klingt es anders. Beispiel: Jesé und Carvajal.

      Jesé soll möglicherweise zu Benfica (Leihe oder Rückkaufoption). Das ist deswegen sinnvoll, weil dieser Spieler zwar möglicherweise tauglich für die erste Mannschaft ist, aber (auf der Position von CR7) so gut wie keine Einsatzzeiten bekäme. Dann lieber anderwswo ausprobieren, völlig folgerichtig.

      Auf der Position des rechten Aussenverteidigers gibt es praktisch keinen einzigen Namen auf dem Markt, der Real Madrid nach vorn bringen könnte. Gerade unter diesen Umständen wäre ein Carvajal hinter Arbeloa blendend besetzt gewesen, hätte seine Einsatzzeiten bekommen und nun eine (sehr wahrscheinlich überteuerte) Verpflichtung unnötig gemacht.

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