Gartenprojekt mit Opa Juan

kartoffel unter-blau

„Irgendwie hatte ich immer stärker das Gefühl, es könnte wichtig werden, aus meinem Landstück mehr herauszuholen, als Oliven- und Johannisbrotbäume. Die wirtschaftliche Lage in Spanien – was sage ich: in der ganzen Europäischen Union – entwickelte sich schlechter, als ich jemals befürchtet hatte. Immer öfter stellte ich wirklich existenzielle Überlegungen an. Damit meine ich Maßnahmen, die das pure Überleben retten. Da hatte ich so viel Erde um mich herum und konnte rein gar nichts damit anfangen, weil ich keine Ahnung hatte, wie man einen Nutzgarten anlegt. Aber zum Glück gab es Opa Juan und eines Tages fasste ich den Entschluss, mich von ihm beraten zu lassen.

Zuerst verstand er mein Anliegen nicht, was jedoch nicht an meinen Sprachkenntnissen lag, sondern schlicht und ergreifend daran, dass Opa Juan sich nicht vorstellen konnte, was daran schwierig sein könnte. Er meinte: „Also wenn du Salat essen willst, dann pflanzt du halt Salat. Und wenn du Tomaten essen willst, dann eben Tomaten oder Kartoffeln, Zwiebeln, Paprika, Spinat – alles, was du willst.“

„Ja klar“, erwiderte ich, „aber wie mache ich das?“

Opa Juan lachte. „Du kaufst dir Samen oder Stecklinge und setzt sie in die Erde. Dann gießt du fleißig und dann isst du lecker.“

Offenbar erkannte er das Problem an der Sache rein gar nicht. Diese für ihn elementarsten Dinge stellten für mich unüberwindbare Hürden dar. Wo, wie, wann, womit, woher, wie viel – ein Kanon an W-Fragen, auf die ich keine Antworten wusste. Ich bat ihn, mir zu zeigen, wo ich einen kleinen Gemüsegarten anlegen könnte. Zielgenau steuerte er auf einen Platz etwa fünfzig Meter vom Haus entfern zu. „Hier ist die Erde gut“, meinte er und schritt eine Fläche ab.

„So weit weg vom Haus?“, wandte ich ein.

Er nickte bestimmend. Rund ums Haus sei zu viel Felsen, da würde nichts wachsen. Hier dagegen könnte ich gut pflügen und es würde schöne Erde zum Vorschein kommen.

„Pflügen?“, entsetzte ich mich und Opa Juan klärte mich auf, dass der Boden natürlich erst vorbereitet werden müsse, um dann pflanzen zu können. Misten und düngen würde auch dazugehören. Er kam so richtig in Fahrt und zeigte mir, wo ich welches Gemüse hinsetzen sollte und wie ich die Wasserversorgung sicher stellen konnte.

Mir wurde ganz schwindelig. Ein Berg an Arbeiten, die ich kaum bewältigen konnte, tat sich auf und dies für ein paar Kartoffeln, Zwiebeln, Salate und Tomaten. Mein Gesicht wurde ganz schön lang und Opa Juan bekam so einen Anflug von Mitleid mit mir.

„Aber weißt du“, meinte er, „eigentlich ist ein Hain nicht gut geeignet für einen Gemüsegarten. Die Oliven mögen das nicht gern und machen es den anderen Pflanzen schwer“, erklärte er. „Warum kommst du nicht einfach zu mir in den Garten. Da ist genügend Platz und ich kann schon länger nicht mehr so, wie ich will. Mein Rücken tut’s nicht mehr“, versuchte er scherzend, seinen Unmut darüber zu verbergen.

So kam es, dass ich gemeinsam mit Opa Juan seinen Nutzgarten bearbeitete. Immer wieder sah ich ihn schmunzeln, wenn ich mir fast die Finger brach beim Einpflanzen der Setzlinge – ein Vorgang, den er mit einer einzigen Hand und Bewegung ausführte. Oder wenn ich eine Furche anlegte, die immer schiefer, breiter und welliger wurde, sodass das Wasser gar nicht erst hinten ankam. Mühsam musste ich die Dinge lernen, die er im Schlaf konnte. Für mich war der Garten so fremd, wie es für Opa Juan ein Computer war. Höchste Zeit also für einen Wissensaustausch der Generationen. Wobei Opa Juan von einem Rechner absolut nichts wissen wollte. Wozu auch, reihte sich doch in seinem Leben ein Tag gleichförmig an den anderen: Aufstehen, in den Garten fahren, essen, was die Erde hergibt, wieder heimkommen und schlafen gehen. So einfach und gesund konnte ein Leben sein……….“

Übrigens: Das Foto zeigt das Auge einer Kartoffel, das bereits Wurzeln geschlagen und einen kleinen Trieb ausgebildet hat. Aus einem Auge wachsen etwa zehn neue Kartoffeln.

Anm. d. Red.:  Dieser Text stammt von der Seite unter-blau.com – die in Spanien lebende Autorin Stephanie Posselt hat ihn uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt. Wir möchten damit auf ihre Seite hinweisen, auf der sich so amüsante wie informative Anekdoten aus spanischen Breiten finden, ebenso wie zwei Bücher zum Thema. Einen Besuch wert!

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5 Kommentare zu “Gartenprojekt mit Opa Juan

  1. MosKito sagt:

    nett…hat mir besonders als Hobbygärtner ebenfalls gefallen. Ich lebe in Asien und habe eher das Problem mit zuviel Wasser als mit zuwenig 😉

  2. Häschen sagt:

    Unsere Nachbarin hatte einen großen Gemüsegarten und viele Obstbäume, da lebt man gesund. Aber bei 5 Kindern die es zu versorgen galt. Ok, wenn die Zwetschken wuchsen gab es wochenlang alles mit Zwetschken usw… (Zwetschken = Pflaumen … auf Österreichisch) und ähnliches galt für anderes Obst. Im Norden muss man wohl etwas genauer aufpassen, wir ernten oft nur einmal oder zweimal und nicht 2 oder 3mal – sonst ist ein Gemüsegarten durchaus eine angenehme Herausforderung. Es läuft aber genauso wie wir es in der Schule noch lernten …

  3. WsdV sagt:

    Ein zum nachdenken anregender Artikel. Besonders, wenn man sich überlegt, dass wir Erde von „Unkraut“ befreien, um dort „nichts nutzenden“ Rasen zu pflanzen. Vom Wissen, um unser Leben natürlicher zu gestalten werden wir fern gehalten. Dafür bekommt man gelehrt, wie es „ewig“ höher, schneller und weiter geht. So kann man sich auch ein abhängiges Völkchen schaffen.

    Solch ein Wissen wird immer mehr aus unserem Leben verdrängt, denken wir an die Pharmaindustrie. Es gibt so tolle natürliche Wirkstoffe, diese werden patentiert und Pflanzen(sorten) verboten.

    Zum Schluss möchte ich euch dann noch das Video „Brennnessel Krieg – Frankreich“ – http://youtu.be/9GIxf9BLz5U empfehlen. Das Thema Brennessel zeigt wie langsam aber sicher die natürlichsten Dinge verdrängt und verboten werden. So geht das Wissen von Jahrhunderten zuvor langsam verloren oder landet in den Katakomben ausgesuchter Kreise.

    • Uhupardo sagt:

      Zum letzten Satz: … mit dem Ergebnis, dass inzwischen eine ganze Horde westlicher Wissenschaftler besonders in Afrika und Südamerika unterwegs ist, um das alte Wissen wieder auszugraben.

  4. unterblau sagt:

    Vielleicht kennt ihr das Experiment, das man an einigen Schulen in Barcelona machte: Man liess die Kinder ein Huhn zeichnen. Die meisten malten ein Brathühnchen – so sehen Hühner halt für eine Generation aus, die sich immer weiter von der Natur entfernt.

    Das Wissen um Selbstversorgung verschwindet weitgehend mit den alten Menschen, die einst davon leben mussten. Von ihnen zu lernen, ist für Jung und Alt eine echte Bereicherung in mehrfacher Hinsicht: Kenntnisse bleiben erhalten, Gemeinsamkeiten entstehen, es findet ein Generationenaustausch statt und, nicht zuletzt, steht gesundes Essen auf dem Tisch. Mal ganz abgesehen von dem heutzutage seltenen Gefühl, ganz ohne Zweifel etwas wirklich Sinnvolles zu tun.

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