Dumm gelaufen: Schläge für den 13-Jährigen waren „Zufall“

Das war alles ganz anders! Der blutende 13-Jährige hat nur Pech gehabt. Die Schläge waren unabsichtlich und ein dummer, bedauerlicher Zufall. Es war auch kein Gummigeschoss, das der Frau das Augenlicht nahm. Kein Mensch weiss, wie das wirklich passiert ist. Dank dem Innenminister von Katalonien kommt jetzt endlich die Wahrheit ans Licht. Er kann sich überhaupt nicht erklären, warum man der Polizei Fehlverhalten vorwirft.

Nur gut, dass es Felip Puig gibt, sonst hätte man die Wahrheit hinter diesen Bildern wohl nie erfahren. Der verletzte 13-Jährige hat einfach Pech gehabt. „Das war ein unbeabsichtiger und zufälliger Schlag“, weiss der Innenminister Kataloniens und erklärte heute, wie es wirklich war. Der Gummiknüppel sei auf dem Boden gelandet, dort abgeprallt und dann bedauerlicherweise am Kopf des Jungen gelandet, der sich auf dem Boden befand, geschützt von seiner Mutter. Einfach dumm gelaufen, befand Puig heute in Barcelona.


Dieses Video zeigt, wie die gemeingefährliche Bevölkerung an diesem Tag singend und tanzend durch die Strassen zog, von Trommeln begleitet – und wie es endete: Die 42-jährige Ester Quintana verliert ein Auge (ab 5.54 Min). Schüsse der Polizisten mit Gummigeschossen sind klar zu hören und zu sehen.

Eine junge Frau, Augenzeugin des Tathergangs, wurde ebenfalls geschlagen, wie das obige Video beweist, das im Internet unzählige Male angeklickt wurde. Wir hatten bereits nach dem Generalstreik am 14. November darüber berichtet. „Die Bilder beunruhigen und machen wütend“, gab Puig zu, vergass aber nicht darauf hinzuweisen, dass die Polizei die Menschen aufgefordert hatte, sich zu zerstreuen. Immerhin bedauerte in einem Nebensatz, der Polizei- Einsatz sei „unverhältnismässig“ gewesen.

Barcelonas Innenminister kennt sich aus: Es sei auch gar nicht wahr, dass eine Frau ihr Augenlicht durch ein Gummigeschoss verloren habe, versicherte er (die entsprechende Geschichte finden Sie bei bodenfrost): „Es kamen keine Gummigeschosse zum Einsatz. Wir wissen nicht, was dieser Frau ins Auge flog.“ – Wird wohl ein verirrter Zugvogel gewesen sein? Die gesamte politische Opposition Kataloniens, mit Ausnahme von CiU und PP, verurteilten die Erklärungsversuche des Innenministers.

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24 Kommentare zu “Dumm gelaufen: Schläge für den 13-Jährigen waren „Zufall“

  1. Uhupardo sagt:

    Warten wir ab, wie die Erklärungen lauten, wenn der erste Polizist zufällig stirbt.

    • Ramón Rodríguez sagt:

      In jedem Land scheint es andere Dinge zu geben die ganz normal sind.
      https://uhupardo.wordpress.com/2012/12/01/uber-den-neoliberalen-rotzloffel-rosler-und-andere-normalitaten/

    • dank sagt:

      Die sollen ruhig so weitermachen, die Herren feine Politikdarsteller samt Handlangern, dann wird die Welt erfahren, ob in Madrid (oder anderswo) die Straßenlaternen durch indirekte Bodenlichter ersetzt wurden.
      Oder auch: Nachdem die ganze Bagage hoch hinaus will, gehts nun in kleinen Schritten den luftigen Höhen entgegen. Aber Vorsicht, da wird die Luft ganz schnell zu dünn und das Röcheln beginnt.
      Klingt sehr böse – aber so ist das mit den Emotionen, wenn Massen verschaukelt werden…

      • Uhupardo sagt:

        Aufrufe zur Gewalt gegen Menschen sind sinnlos, kontrapoduktiv und helfen niemandem. Andererseits sind die Äusserungen, die heute im spanischsprachigen Netz zu lesen sind, auch kein Wunder. Wenn der Neusprech so weit geht, solche Vorkommnisse zu verharmlosen – und damit zu negieren -, soll sich bitte zukünftig niemand wundern … kein Politiker und kein Uniformträger. Alles hat ein Limit, und hier wurde es von Felip Puig nach unserer Auffassung weit überschritten.

        • Gnatz sagt:

          Auch ich bin der festen Überzeugung, dass Gewalt gegen Menschen zum durchsetzen irgendwelcher Ziele oder Interessen äußerst verwerflich ist. Doch um sich zu verteidigen scheint sie mir gerechtfertigt zu sein. Wenn ein (Polizei)Staat seine Herrschaft durch Gewalt ausübt und sich über jedes rechtliche Mittel hinwegsetzt bleibt aus meiner Sicht keine Alternative. Wenn 5000 Demonstranten 300 Polizisten gegenüberstehen und diese wieder einmal grundlos gewalttätig werden bräuchten die Demonstranten nur beherzt zugreifen und man könnte dem Spuk ein Ende setzen ohne dass auch nur ein Polizist ernsthaft verletzt würde. Wahrscheinlicher aber ist leider, dass wie immer 99% mehr Schiss in der Hose haben als alles andere und nur ein paar durchgeknallte ohne jeden Sinn und Verstand einzelne Polizisten angreifen und vielleicht sogar töten. Hier ein gutes Beispiel: http://www.youtube.com/verify_age?next_url=/watch%3Fv%3DSTy_Ws3FzN8

  2. Alexis sagt:

    Das ist typisch für europäische „Polizeistaaten“! Friedliche Demonstranten werden zufällig zu Boden geworfen – ein bedauerliches Versehen. Und wenn sich ein misshandelter Demonstrant wehrt, wird er meistens noch wegen Behinderung belangt. Normalität in demokratischen Rechtsstaaten.

  3. SpiritOfLiberty sagt:

    “Der Gummiknüppel sei auf dem Boden gelandet, dort abgeprallt und dann bedauerlicherweise am Kopf des Jungen gelandet”

    Als ich das lesen musste, und man möge mir verzeihen, musste ich laut lachen.
    Eine noch dümmlichere Ausrede war wohl nicht möglich…
    Das ist doch alles nicht wahr, oder?
    Was müssen das für Menschen sein, die etwas dergleichen tun.

  4. Steuben1978 sagt:

    Also nu habt euch doch nicht so! Was kann die Polizei denn dafuer das der Junge sich dem Schlagstock in den Weg legt. Was muss der arme Polizist jetzt fuer ein Trauma haben! Der ist jetzt gezeichnet fuers Leben! Bestimmt! Eigentlich muesste die Mutter des jungen belangt werden, weil Verletzung der elterlichen Pflichten usw.
    Also ne ne ne

  5. Allant sagt:

    http://www.neopresse.com/europa/bericht-eu-will-jugendarbeitslosigkeit-verbieten/

    Kann sein, dass ich wieder einmal überreagiere, aber dieser Artikel „Jugendarbeitslosigkeit verbieten“, lässt mich, nachdem solche Vorfälle einfach so abgehandelt werden, nicht mehr los.
    Die Betonung liegt auf „verbieten“.
    Diese Polizeigewalt gegen die Bevölkerung, vorallem gegen Jugentliche, dann diese Ansage, dies alles macht mich nachdenklich, für mich fühlt es sich an, wie ein Schlag ins Gesicht.
    Aber wie schon gesagt, wahrscheinlich nur eine Überreaktion meinerseits.

    • Uhupardo sagt:

      Man könnte genau so gut verbieten, dass es mittwochs regnet. Solche News kann man wahrscheinlich gähnend durchwinken.

      • Allant sagt:

        Danke, Uhupardo für deine Antwort,deine Meinung, sowas gähnend durchwinken mache ich liebend gern, zumal ich mir auch nicht vorstellen konnte, wie man Arbeitslosigkeit verbieten könnte, klingt ja als wollte man Zwangsarbeit einführen.

        • Uhupardo sagt:

          Einerseits ist es in diesem System die einzige Verpflichtung jedes Unternehmers in der kürzesten Zeit mit dem geringst möglichen Einsatz auf legalem Weg das meiste Geld zu verdienen – wozu zweifellos gehört, mit dem geringst möglichen Personalaufwand auszukommen. Andererseits will man Jugendarbeitslosigkeit „verbieten“? Das ist doch nicht mal mehr als Entertainment geeignet.

          • fischi sagt:

            Die Meldung kam heute den ganzen Tag.
            Meine Gedanken waren jetzt soll der Reichsarbeitsdienst in ganz Europa eingeführt werden.
            Ich weiss nicht, wie verbreitet Praktika für lau, 1€ Jobs oder Bürgerarbeit in den anderen Ländern so sind.
            Sind doch der Idealfall für Unternehmen, Arbeit fast oder ganz umsonst.
            Und es ist ja nicht so, dass, wie behauptet, bloß Arbeit gemacht wird für die sich weiter keiner interessiert.
            Schon die 1€ Jobs haben den Angestellten Arbeitsplätze gekostet, aber mir Bürgerarbeit ist schon fast alles möglich.
            Der Tag wird kommen, wenn die Leute mit einem 20 Jahre Praktikum bei VW die Autos zusammenschrauben.

  6. bernd sagt:

    Es rettet uns kein höh’res Wesen,
    kein Gott, kein Kaiser noch Tribun
    Uns aus dem Elend zu erlösen
    können wir nur selber tun!

    Unmündig nennt man uns und Knechte,
    duldet die Schmach nun länger nicht!

    Völker, hört die Signale!
    Auf zum letzten Gefecht!
    Die Internationale
    erkämpft das Menschenrecht.

    Erst wenn wir sie vertrieben haben
    dann scheint die Sonn‘ ohn‘ Unterlass!

    Völker, hört die Signale!
    Auf zum letzten Gefecht!
    Die Internationale
    erkämpft das Menschenrecht.

  7. Fabienne sagt:

    Natürlich! Alles rein zufällig. Und diese Zeugen haben auch nur zufällig gesehen, wie alles ganz zufällig passiert ist und können zufällig genaue Aussagen über diese Zufälle machen :

    Wahrscheinlich wird dieses Video bald ganz zufällig wieder gesperrt.

  8. bodenfrost sagt:

    Letzte Woche berichtete eine spanische Zeitung, dass die antidisturbios angehalten wurden „in Zukunft härter durchzugreifen.“ (siehe auch Übersetzung auf Bodenfrost). Die Polizeigewerkschaft SUP wirft der spanischen Regierung vor, „es auf Tote anzulegen“.
    Wenn man sieht, dass es jetzt schon schwer Verletzte gibt bei Demonstrationen, blickt man doch etwas sorgenvoll in die Zukunft…

  9. Es wird nur eine Frage der Zeit sein, bis die Gummigeschosse gegen scharfe Munition ausgetauscht werden.
    Man mag nicht daran denken, aber die Entwicklung scheint sich dorthin zu bewegen.
    Wann wird es den oder die erste Toten/Tote geben?
    In Südafrika wurden streikende Minenarbeiter über den Haufen geschossen.
    Diese Entwicklung macht sehr nachdenklich. Historische Paralellen lassen sich vielleicht zum Untergang des russischen Zarenreiches ziehen. Die Oberschicht lebte in Saus und Braus und die verarmte Landbevölkerung und die Arbeitssklaven in den Fabriken verhungerten.
    Die Folge waren Hungeraufstände und Demonstrationen.
    Was danach kam wissen wir alle. Es etablierte sich ein Terrorregime in einem blutigen Bürgerkrieg, dass Millionen Menschen das Leben kostete.
    Hoffen wir, dass es nicht die selbe Entwicklung nimmt.

    Ein Pessimist ist ein Optimist, der gut informiert ist. Ein schönes Zitat des Spaniers Antonio Mingote Barrachina.

  10. Standardbrain sagt:

    „.. dass die Polizei die Menschen aufgefordert hätte, sich zu zerstreuen“. Verschiedene Demonstranten berichten, dass die Einsatzkräfte neben Gummigeschossen auch Kreuzworträtselhefte sowie Frauenzeitschriften und Comics für 13-jährige mit sich geführt hätten. (Ley de la preparacion de dibujos). Das hat schon die „Dialektik der Aufklärung“ gewusst: Wer aufmuckt, wird durch kulturindustrielle Produkte dazu gebracht, zu vergessen, was ihm angetan ward.

  11. Haaaach Zufälle gibts! Sollte man unbedingt mal was gegen machen… vielleicht aber auch erstmal die Polizei hinschicken … 😉

  12. Lea Wahode sagt:

    Und so was nennt sich Demokratie!

    • Uhupardo sagt:

      In Spanien gibt es einen schöneren Ausdruck dafür, ist allerdings erklärungsbedürftig.

      Wird zusammengesetzt aus „dictadura“ – also Diktatur -, wobei der zweite Wortteil „dura“ im Spanischen auch „hart“ heisst. Das Gegenteil davon ist „blanda“ (weich).

      Nicht wenige reden also inzwischen von der Staatsform „dictablanda“. Das trifft es nicht schlecht.

  13. […] Polizisten auf unbewaffnete Menschen einprügeln, eine Rechtfertigung findet sich immer dafür. https://uhupardo.wordpress.com/2012/12/03/dumm-gelaufen-schlage-fur-den-13-jahrigen-waren-zufall/ Es verbrennen Hunderte von Menschen, nachdem sie zuvor wie Sklaven gehalten wurden, alles im Namen […]

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