Das Trugbild vom Ende der Geschichte

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Sie kennen das ganz sicher auch, wenn ab und zu Musikprogramme aus der Vergangenheit im TV wiederholt werden: „Um Gottes Willen, was waren das denn für Frisuren/Klamotten in den 80ern?“ – Da sitzt Mensch auf dem Sofa, fragt sich, wie um alles in der Welt ihm diese Gruppe damals gefallen konnte. Oder die politische Partei vor 20 Jahren. Oder die Frau, die neben ihm auf dem Sofa sitzt.

Jeder weiss selbst, dass er sich mit der Zeit verändert hat. Aber ist es dann nicht logisch, dass das auch in Zukunft passieren wird? Dass sich jeder unbedingt klar darüber sein müsste, dass sich die Geschmäcker und Überzeugungen auch ab jetzt ebenso verändern werden wie es in der Vergangenheit passiert ist? Dass die Lieblingsgruppe von heute in 20 oder 30 Jahren eher urpeinlich wirken wird, die Ideologie sich überlebt, die Liebe stirbt? Logisch wäre es, aber so ist es eben nicht.

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„Sweet“

Eine Massenstudie von drei Universitäten, bei der 19.000 Personen im Alter von 18 bis 68 Jahren befragt wurden, beweist es zweifelsfrei: Alle, unabhängig von der Altersstufe, gehen innerlich davon aus, dass ihre derzeitigen Überzeugungen die definitiven sind. Dass sich ab sofort kaum noch etwas verändern wird, dass die Gegenwart endgültig ist. Daniel Gilbert von der Harvard Universität nennt das „das Trugbild vom Ende der Geschichte“ und präsentiert die Studie in der Zeitschrift Science.

Die Psychologen fragten die Teilnehmer an der Studie zum Beispiel, wieviel sie dafür zahlen würden, ihre aktuelle musikalische Lieblingsgruppe in zehn Jahren sehen zu dürfen. Sie fragten sie auch, wieviel sie ausgeben würden, um ihre Lieblingsgruppe von vor zehn Jahren heute noch einmal live sehen zu können. Der erste Betrag lag in allen Fällen unvergleichlich viel höher als der zweite, über alle Altersgruppen hinweg.

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David Hasselhoff

Wer 30 Jahre alt ist, glaubt für die kommenden zehn Jahre an weit weniger Veränderungen als die 40-Jährigen Veränderungen der vergangenen zehn Jahre zugeben. Wir sind offensichtlich alle so – diesmal scheint die Verallgemeinerung zulassig zu sein: Ab jetzt wird sich viel weniger ändern als sich bis heute geändert hat! Diesem Trugschluss unterliegen alle, bewusst oder nicht. „Die Geschichte, so sieht es aus, endet immer genau heute“, sagen Gilbert und seine Kollegen vom Brüsseler Wissenschaftsinstitut und der Virginia Universität in Charlottesville.

„Sowohl Jugendliche als auch ihre Grosseltern glauben, dass der Rhythmus der persönlichen Veränderungen genau heute angehalten worden ist, und dass sie genau so bleiben werden, wie sie gerade sind.“ – Der Trugschluss vom Ende der Geschichte ist nicht nur eine psychologische Spielerei sondern hat handfeste praktische Auswirkungen. Menschen geben zum Beispiel sehr viel (zu viel) Geld aus für Dinge, von denen sie in der Zukunft innere Befriedigung erwarten, weil sie ihnen heute Freude bereiten. Und stellen dann fest, dass das für die Zukunft eben doch nicht mehr gilt, weil sie ihre eigene persönliche Veränderung weit unterschätzt hatten.

„In jeder Phase des Lebens“, so Gilbert, „treffen die Menschen Entscheidungen, die weichenstellend für diejenigen Menschen sind, in die sie sich in der Zukunft verwandeln werden; und wenn sie sich verwandelt haben, erscheinen sie längst nicht mehr so interessant.“ – Das klingt nach Hypothek, Aktien oder nach Heirat, wenn man so will. Ist auch nicht wirklich überraschend, wenn man an den jungen Menschen denkt, der monatelang mit seinen Eltern kämpft und dann mit seinem letzten Geld das ersehnte Tattoo stechen lässt, an dem sein ganzes Herz hängt. Gerade zehn Jahre später zahlt er jeden Betrag, um die Spuren der „Jugendsünde“ wieder loszuwerden.

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Wer den Anwalt teuer bezahlt, um endlich aufzulösen, was Gott angeblich für immer zusammen geführt hatte, handelt auch nicht viel anders. Oder die Fettabsaugung, die die Folgen eines halben Lebens voller Hamburger und 4-Käse-Pizzas eliminieren soll. Die Fragestellung vor der Studie war: „Warum treffen wir alle so viele Entscheidungen, sogar mit erheblichem Aufwand und sehr bewusst, die wir nachher intensiv bereuen?“ – Das Ergebnis: Wir irren uns gründlich in der Einschätzung derjenigen Person, die wir morgen sein werden, und unterschätzen gewaltig den Zahn der Zeit, der unseren Geschmack, unsere Werte und Überzeugungen ändern wird.

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Die Studie macht deutlich, dass der Mensch dem Trugbild vom Ende der Geschichte unterliegt: Bis heute hat sich alles sehr verändert – aber ab jetzt gilt das nicht mehr. Über die Gründe dafür gibt es bisher nur Vermutungen. Vielleicht glaubt man, die eigene Persönlichkeit sei so solide und attraktiv, dass es gar keinen Grund für Veränderungen geben könne. Oder jeder glaubt sich so gut zu kennen, dass er sich selbst anders gar nicht sehen kann/will. In jedem Fall scheint es, als sei diese Dickschädeligkeit eins der wenigen Dinge, die sich nie ändern werden.

Warum erzählen wir Ihnen das alles in diesem Blog? – Weil es einer der wichtigsten Gründe dafür ist, dass so viele Kommentatoren der aktuellen Ereignisse einschneidende gesellschaftspolitische Veränderungen nicht wirklich für möglich halten, aller Geschichtsbücher zum Trotz! In Wahrheit zweifeln sie nicht an den Veränderungen der Strukturen – sie zweifeln viel mehr daran, dass sie die Frisuren der Musikgruppe, die sie heute anbeten, in 20 Jahren als „oberpeinlich“ einstufen könnten. Dabei ist nichts noch sicherer als das …

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20 Kommentare zu “Das Trugbild vom Ende der Geschichte

  1. Hessenhenker sagt:

    „dass so viele Kommentatoren der aktuellen Ereignisse einschneidende gesellschaftspolitische Veränderungen nicht wirklich für möglich halten, aller Geschichtsbücher zum Trotz!“

    Viele sind nicht alle.
    Ab und zu vergessen die Medien mal daß sie einschneidende gesellschaftspolitische Veränderungen nicht wirklich wollen, und berichten z.B. über Menschen, die an Veränderungen glauben, wie Malala aus dem Swat-Tal.

    Seid Ihr der Meinung, dieser Verdrängungs-Mechanismus gilt auch für das nicht für möglich halten von bereits stattgefundenen Veränderungen hierzuländer? (weiß nicht von wo ihr schreibt, sonst hätte ich „hierzulande“ gesagt, LOL).

    • Uhupardo sagt:

      Vielschichtiges Thema, Hessenhenker. „Verdrängen“ kann man nur etwas, was man weiss. Hier geht es um „etwas, das wir überhaupt gar nicht auf dem Schirm haben“. Das kann man also nicht „verdrängen“.

      Alles bleibt, wie es wird.

      Dieser „blöde“ Satz ist so wichtig. Der Veränderungs-Rhythmus bleibt immer gleich. Nur nach hinten (in die Vergangenheit) gerichtet, ist er völlig klar und wird bewusst wahrgenommen: „Meine Oma hat in einer ganz anderen Welt gelebt als ich.“ – Die Tatsache (Tatsache!), dass die Welt wieder komplett anders sein wird, wenn der Sprecher selbst Grossvater ist, weil ER ganz anders sein wird, ist weit weniger klar – oder gar nicht. Darum geht es hauptsächlich.

      • Hessenhenker sagt:

        Als Kind habe ich auch in einer ganz anderen Welt gelebt als ich. 🙂

      • Das kommt in dem Satz: „Das war schon immer so“ deutlich zum Ausdruck.

      • Auch das sehe ich ein ganzes Stück weit anders……..Uhupardo…..

        „Hier geht es um “etwas, das wir überhaupt gar nicht auf dem Schirm haben”. Das kann man also nicht “verdrängen”.

        Auch wenn man es sich nicht ausmalen/denken kann oder will, kann man Veränderung sehr wohl verdrängen, erfolglos sicher.
        Und wie die Menschen genau dass können, die sind regelrechte Hohepriester der Verdrängens-Zunft. Das ist ja unser Problemchen nicht?
        Psychologen stellen in der Regel, falsche Fragen die zu Falschem führen.

        • Uhupardo sagt:

          „Psychologen stellen in der Regel, falsche Fragen die zu Falschem führen.“

          Das ist wie die Aussage „Kugelschreiber funktionieren in der Regel nicht“. Sehr wenig hilfreich.
          Noch einmal anders: Wenn sich jemand überhaupt nicht darüber bewusst ist (und darum geht´s in der Sache), dass er die Zukunft als viel statischer ansieht als die anerkannt dynamische Vergangenheit, kann er das nicht „verdrängen“.

          • Kompression der Vergangenheit in einer dazu kleinen realen Wahrnehmungsphase.
            OK Uhupardo auf welchem Nivea muss man surfen um dahin zu kommen?
            Das widerspricht jeglicher Wahrnehmung die alleine in den vergangenen Jahrzehnten vor sich ging.
            Automobilisierung der Menschheit seit wann?
            Internetzeitalter seit wann?
            3-D Zeitalter seit wann?
            Krisen-System-Kritiker seit wann?
            Entschleunigung-Theoretiker seit wann?
            Ne der Hessenhenker hatte recht mit der Aussagen das es sich um Verdrängungs-Philosophen handelt.
            OK mir bleibt nur noch als Erklärung über, das es sich um wie ich Anfangs vermutete um tote Hunde handelt, oder von mir aus um Bewusstlose.
            Ich nehme es gänzlich anders wahr in meiner Umgebung, die Menschen wären sicher erleichtert, wenn der Puls der Zeit gemächlicher von statten ging. Was impliziert das Sie eben genau das Gegenteilige befürchten.
            Zu recht wie ich meine.

            • Uhupardo sagt:

              Zu befüchten ist eher, dass Sie das Thema noch nicht verstanden haben. Letzter Versuch, weil man ja auch nicht darauf bestehen muss:
              Eine Sache ist es, ob Sie jemanden dazu befragen, ob sich „die Zeit immer schneller dreht“. Dazu ein Nicken zu bekommen, ist sehr simpel. Und darauf allein gehen Sie ein. Das ist allerdings genau nicht das Thema und viel oberflächlicher als das, was die Studie untersucht. Vielleicht lesen Sie einfach den Beitrag noch einmal in Ruhe. Dann wird Ihnen (hoffentlich) die psychologische Diskrepanz auffallen zwischen dem eben erwähnten Statement und der Einschätzung, wie Menschen glauben, sich selbst in der Zukunft zu verändern. Um eben diese Diskrepanz geht es.

  2. Ramón Rodríguez sagt:

    Man kann selbst mit dieser „Handlungsanweisung“ natürlich nicht voraussehen, wie man sich in den nächsten zehn Jahren verändern wird, aber die Message ist richtig und sie ist wichtig: Bevor du handelst, denk wenigstens eine Minute darüber nach, ob das vermutlich morgen noch richtig sein könnte. Das nehme ich jetzt auch für mich mit. Und ja, mehr Veränderung ist unbedingt möglich, weil ich mich auch mehr verändern werde, als ich für möglich halte.

  3. nick sagt:

    Vielen Dank für die schönen Bilder. Ich finde sie auch jetzt, nach 25 Jahren, noch schön…
    (Bis auf das A…geweih allenfalls, aber das ist ja noch nicht so alt)
    Obwohl ich die Bilder schön finde, würde ich jedoch nie im Leben nochmal so herumlaufen wollen. Dem Text stimme ich daher zu.

  4. was sagt man dazu?
    ich halte von den Psychologen und ihrer Studie nix. Was haben die befragt tote Caniden?
    um derartiges auszudrücken, bevorzuge ich zwei Songs:
    Once In A Lifetime von Thalking Heads und den Psychologen zum Trotze
    meine seit 1974 geliebte Band Sparks, mit ihrem Song Fletcher Honorama
    Wäre Ron Meal, Ron Meal wenn der nicht zu jeder Zeit Ron Meal wäre?
    War Gestern mit Madam und der Jüngsten, Hobbit gucken, habe das Buch vor über 3-Dekaden gelesen, was sollte daran urpeinlich sein?

    • Uhupardo sagt:

      Sie haben bei anderen Gelegenheiten schon mehr verstanden von der Substanz der hier veröffentlichten Artikel, abfallwirtschaft. Schade, da werden Sie schon noch ein bisschen reflektieren und eine Etage höher einsteigen müssen. Es geht weder um Talking Heads noch um Hobbits, sondern darum, dass eine Studie von 19.000 Probanden sehr deutlich beweist, dass Menschen die Vergangenheit für wesentlich dynamischer halten als die Zukunft – mit allen Konsequenzen, die das auf die gesellschaftspolitische Haltung hat.

      • Tja das scheint wohl außerhalb meiner Wahrnehmung zu liegen……

        „dass Menschen die Vergangenheit für wesentlich dynamischer halten als die Zukunft – mit allen Konsequenzen, die das auf die gesellschaftspolitische Haltung hat.“

        sorry aber ich käme einfach nicht zu so einem Schluss, das entzieht sich meiner Logik von Vergangenheit-Gegenwart-Zukunft und der Kausalität in den Zeiten.

  5. Ich gehe für die nächsten Jahre und Jahrzehnte vom Gegenteil aus, nämlich einer zunehmenden Geschwindigkeit von Entwicklungen, sei es in der Technik, in der Gesellschaft, in der Politik. Bisher dachte ich, viele andere dächten auch so…

    Man stelle sich das einmal vor, den eingebildeten Stillstand, den offenbar die Studienteilnehmer imaginieren:

    – August 2023: Mit der 340. deutschen DSDS-Ausgabe räumen Dieter Bohlen und seine Jurykollegen wieder mächtig in der Publikumsgunst ab.

    – Juni 2054: Bundeskanzlerin Angela Merkel rettet mit einem Kompromissvorschlag ein Treffen der Euro-Länder zur Stabilisierung der gemeinsamen Währung.

    – Mai 2064: Bayern München feiert die 59. deutsche Fußballmeisterschaft. Bayern-Präsident Uli Hoeneß freut sich überglücklich mit der Mannschaft.

    (…)

    • Torsten Kurth
      „Man stelle sich das einmal vor, den eingebildeten Stillstand, den offenbar die Studienteilnehmer imaginieren:“

      Ja das sehe ich auch so, könnte sagen exponentiell, wohin es Genau hin geht?
      es sind einfach schon zu viele Teilnehmer im Spiel die die Psychopathen-Studie ruinieren werden.

  6. Martin sagt:

    Super Artikel, dem man nur zustimmen kann. Gerade gelesen auf http://www.wirtschaftsfacts.de.

  7. birkental sagt:

    Möglicherweise sind wir zu sehr in unsere eigene Planung verliebt. In unsere Wunschvorstellung von Zukunft. Und diese Planung gründet auf Erfahrungen und Illusionen. Hilft es uns? Wir würden wohl keine Kinder haben wollen, Liebe nicht als ewig und Tod nicht als bedrohlich empfinden, ahnten wir wirklich, was kommt.
    Um Veränderung wissend: sind wir auf Lawinen, Tsunamis und Erdbeben besser vorbereitet? Bestimmt vernetzter, innovativer und hilfsbereiter.

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