Bolivien verstaatlicht dritte spanische Firma in zehn Monaten

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Regierungschef Evo Morales hat es sich nicht nehmen lassen, das Dokument persönlich vorzulesen: Die Aktien, die die beiden spanischen Firmen Abertis und Aena an der Firma (Sabsa) halten, die für die Bewirtschaftung der bolivianischen Flughäfen von Santa Cruz, La Paz und Cochabamba zuständig ist, werden verstaatlicht. Die spanische Regierung zeigte sich verärgert und will nun alle Beziehungen zu dem südamerikanischen Land „auf den Prüfstand stellen“. Es ist die dritte Verstaatlichung spanischer Unternehmen in Bolivien innerhalb von zehn Monaten.

Evo Morales zieht seine Ansagen kompromisslos durch und verstaatlicht konsequent diejenigen Firmen, die ihre Zusagen nicht einhalten, ohne dass ihm dabei die Hand zittert. Wie der Regierungschef erklärte, sah der beschlossene Investitionsplan 53,4 Millionen Dollar von 2006 bis 2022 vor. Bis 2009 hätten 26,9 Mio. Dollar investiert werden müssen, tatsächlich waren es aber nicht einmal sechs Millionen, die die beiden spanischen Firmen auszugeben bereit waren. Die Gewinne von Sabsa allerdings betrugen zwischen 1997 und 2011 mehr als 20 Mio. Dollar.

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Die Verstaatlichung dieses Unternehmens vollzieht sich so rasch und kompromisslos wie bei vorigen Gelegenheiten. Beamte Boliviens übernahmen unter starken Sicherheitsvorkehrungen sofort alle Funktionen von Sabsa auf den Flughäfen. Jetzt wird eine unabhängige Firma beauftragt, das Unternehmensvermögen innerhalb von 180 Tagen zu analysieren und zu schätzen. Danach werden Verhandlungen folgen, die bestimmen sollen, welchen Betrag die bolivianische Regierung an Abertis und Aena überweist.

Zuletzt waren im vergangenen Dezember die vier Filialen der spanischen Iberdrola verstaatlicht worden – zwei Stromfirmen in La Paz und Oruro, ein Service-Unternehmen und ein Investitionsfond. Im Mai davor hatte es die Stromfirma Red Eléctrica erwischt. Bisher sind diese Firmen für die Verstaatlichung noch nicht entschädigt worden. Heute kündigte die spanische Regierung an, alle Beziehungen zu Bolivien würden nun „überprüft“. Evo Morales wird das vermutlich keine schlaflose Nacht kosten. Er hatte 2006 angekündigt, alle öffentlichen Services wieder in die öffentliche Hand zurückzuführen – und das ist es, was er tut, während in der EU sogar das Trinkwasser privatisiert und ganze Staaten verramscht werden sollen.

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14 Kommentare zu “Bolivien verstaatlicht dritte spanische Firma in zehn Monaten

  1. Don Furioso sagt:

    Beobachte ich das richtig, dass immer mehr lateinamerikanische Länder ein nie dagewesenes Selbstbewusstsein gegenüber den USA und Europa zeigen? Woher kommt das?

    • Uhupardo sagt:

      Aufgestaut, Don Furioso, über Jahrhunderte inzwischen. Gerade die USA sind ja in Südamerika wirklich verhasst, der Terminus ist nicht übertrieben. Nicht nur fühlte man sich mit Recht geringgeschätzt aus dem Norden, es war auch der Eindruck, dass die nordamerikanische Plastik-Fast-Food-Mentalität in der Lage war, mehr und mehr die südamerikanische Kultur auszulöschen.

      Gegenüber Europa gibt es weit weniger Ressentiments, trotzdem wird Europa vielfach als der Erfüllungsgehilfe der USA gesehen – und mit Spanien gibt es bekanntlich seit Jahrhunderten eine offene Rechnung.

      Jetzt ist Südamerika gerade „unter den Ärmsten weg“, denn auf dem Kontinent läuft die Wirtschaft relativ gut; da kann man schon mal neues Selbstbewusstsein zeigen und entsprechend konsequent agieren.

      • Don Furioso sagt:

        Es würde mich nicht wundern, wenn Lateinamerika bald Mauern gegen Immigration aus den USA und Europa bauen würde (vorallem alte Leute, die auf bessere medizinische Versorgung hoffen). Argentinien macht mir Sorge. Inflation per Gesetz klingt nach Verzweiflung. Ich hoffe, da wird nicht wieder ein Krieg gegen England vom Zaun gebrochen, oder umgekehrt, ein Krieg gegen Argentinien. Auch hoffe ich, dass dieses neue Selbstbwusstsein nicht durch fiese Einmischung aus dem Westen wieder niedergeknüppelt wird. Wir sind bekanntlich schlechte Verlierer, nicht zuletzt, weil wir an eine Welt glauben, die nur aus Verlierern und Gewinnern besteht.

      • fakeraol sagt:

        Ich denke, nicht China, sondern ganz Lateinamerika wird die USA als der Platz der bedeutensten Ereignisse für die nächsten Jahrzehnte ablösen.
        Ich wünsche den Menschen dort alle Kraft, sich nicht mehr unter den Einfluß und die Interessen anderer Mächte pressen zu lassen.

        • Uhupardo sagt:

          Exactamente, denn China hat selbst genug Probleme. Wenn Südamerika selbstbewusst genug bleibt und sich nicht korrumpieren lässt, sind die Aussichten nicht schlecht.

  2. tfl sagt:

    Nun, es entzieht sich meiner Kenntnis, ob jeder oder ein Flughhafen es Wert ist, ihn in „alle öffentlichen Services“ zurückzuführen. Was sich meiner Kenntniss allerdings nicht entzieht, ist die Tatsache, das ich gesehen habe, was die zwangsweise Rückführung in diese über nur 4 Jahrzehnte bedeuten kann. Und jede beliebig andere Person, die es wissen will, kann das auch!

    NIchts-desto-Trotz: mehr davon!
    BER: schleich di!

  3. tfl sagt:

    ich vermisse ein Editierfunktion.

  4. Ramón Rodríguez sagt:

    Insbesondere Bolivien, Brasilien und Ecuador geben Anlass zu Hoffnung. Diejenigen, die immer noch an nordwestliche Vorherrschaft glauben, werden sich noch umgucken. Ein möglicher (wahrscheinlicher) Wirtschaftszusammenbruch wird Südamerika weit weniger treffen.

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