Zypern „gerettet“: Einigung in Brüssel

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Bei den beiden grossen Banken, Laiki und Bank of Cyprus, gibt es seit heute Mittag für jeden Kontoinhaber nur noch 100 Euro am Geldautomaten. Die Laiki Bank, die jetzt vom Staat abgewickelt wird, hatte bereits am Donnerstag das Limit von 1.000 auf nur noch 260 Euro herunter gesetzt. Die neue Massnahme gilt mindestens bis Dienstag, wenn die Bankschalter wieder öffnen sollen.

Derweil tagt in Brüssel soeben die Eurogruppe. Mit Verspätung allerdings, weil Zyperns Regierungschef vorher noch mit IWF, EZB und anderen konferieren will. Der Beschluss einer 20-prozentigen Zwangsabgabe auf Einlagen über 100.000 Euro wird erwartet. Kunden aller anderen Banken sollen mit vier Prozent davon kommen.

Der Finanzminister vom Luxemburg, Luc Frieden: „Die Eurogruppe hat die Verpflichtung, eine Übereinkunft für die Rettung Zyperns zu finden, weil die Stabilität der Eurozone als Ganzes auf dem Spiel steht.“ (Anm. d. Red.: Luxemburgs Banksektor ist nicht achtmal grösser als das BIP des Landeswie auf Zypern sondern 20mal grösser!)

Frans Weekers, der niederländische Staatssekretär im Finanzministerium: „Die Übereinkunft hängt an Zypern. Die Alternative zur Zwangsabgabe ist die Pleite der Banken, was noch mehr Verluste mit sich bringen würde.“

EU-Währungskommissar Olli Rehn: „Heute sind nur noch harte Entscheidungen übrig.“

21.20 Uhr
Zyperns Regierungschef Anastasiadis hat die Forderung der Troika abgelehnt, die Bank of Cyprus solle die Schulden der Laiki Bank übernehmen, die jetzt vom Staat in goodbank und badbank aufgespalten wird.

21.30 Uhr
Anastasiades wörtlich laut staatlich zyprischem Fernsehen (RIK): „Ich mache Euch einen Vorschlag. Den lehnt ihr ab. Ich schicke Euch einen anderen; das Gleiche. Was wollt ihr denn? Wollt ihr mich zum Rücktritt zwingen? Wenn es das ist, was ihr wollt, dann sagt es.“

22.15 Uhr
Jetzt endlich, mit vier Stunden Verspätung, beginnt die Sitzung der Eurogruppe! Anastasiades hatte vorher lange mit der Troika verhandelt. Das wird eine lange Nacht vermutlich. Wir bleiben trotzdem dran.

00.40 Uhr
Parallel zur Sitzung der Eurogruppe verhandelt Regierungschef Anastasiades mit dem Präsidenten der Kommission, José Manuel Durao Barroso, um Formeln für die Rettung zu vereinbaren. Bisher ohne Ergebnis.

01.00 Uhr
Eine unmittelbar bevorstehende Einigung zum Verbleib Zyperns im Euro wird angekündigt. Bisher ohne alle Details. Die Einzelheiten müssen in der direkt anschliessenden Sitzung der Euro-Finanzminister noch ratifiziert werden.

01.45 Uhr
Nach zehn Stunden harter Verhandlung gibt es eine Art der Einigung, die den Verbleib Zyperns im Euro erlaubt, jedoch in den frühen Morgenstunden von den Finanzministern zuerst ratifiziert werden muss. Besonders Christine Lagarde (IWF) und Mario Draghi EZB) haben darauf bestanden, die Zwangsabgabe auf alle Konten von der Agenda zu streichen. Wie es jetzt aussieht, werden alle Einlagen bei der Laiki Bank, die über 100.000 Euro hinausgehen, ersatzlos gestrichen. Ob oder wie das auch für die Bank of Cyprus gilt, ist noch nicht klar. Damit wäre das Ultimatum der EZB ausgebremst, doch es ist erst der Beginn. Nun wird es um die Kapitalverkehrskontrollen gehen, um einen Bankrun zu vermeiden. Erwünschter Nebeneffekt für die Troika: Diese Massnahmen werden das „Wirtschaftsmodell Kasino“ der Insel komplett auswischen. Am Rande: Alle Beteiligten der Konferenz beeilten sich vor Beginn in die Kameras zu sagen „unser Land ist nicht Zypern, bei uns sind die Bankeinlagen sicher“ – wer´s glaubt.

02.20 Uhr
Die Euro-Finanzminister haben das neue Rettungspaket inzwischen ratifiziert. Das Parlament auf Zypern hatte die erste Version am Dienstag gekippt. Zypern ist „gerettet“, wenn das Parlament in Nikosia am Montag diesmal zustimmt. Ob die Menschen auf Zypern auch gerettet wurden, darf man getrost bezweifeln.

03.10 Uhr
Eurogruppen-Chef Jeroen Dijsselbloem: Man habe sich auf eine „weitgehende Restrukturierung der beiden grössten Banken des Landes“ geeignet und auf eine „Stabilisierung des Finanzsektors“. Abgaben auf Einlagen werde es nicht geben. Beträge unter 100.000 Euro seien komplett ausserhalb der Diskussion.

Wir berichten später über die Details der „Rettung“.

Lesen Sie bitte aus aktuellem Anlass auch:
* In eigener Sache: Rauswurf der deutschsprachigen Verlage

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33 Kommentare zu “Zypern „gerettet“: Einigung in Brüssel

  1. Johannes Eber sagt:

    Noch ein Paradoxon. Konfiskation ab 100.000 Euro, keine Konfiskation bis 99.999,99 Euro
    Welch ein Blöd-, Schwach- und Irrsinn. Aber die Geldhäuser in Zypern haben eh keinen müden Cent mehr in ihren Tresoren. Wenn es nicht todernst wäre könnte man darüber nur noch lachen.

  2. psd,mvpoeq sagt:

    Zum Lachen ist der ganze „EU-Schwachsinn“ schon lange nicht mehr. Es ist nur traurig, das immer „die Kleinen“ die Zeche bezahlen.

  3. Johannes Eber sagt:

    @ Lieber „psd,mvpoeq“

    bitte lesen Sie meinen Kommentar genau. Ich schrieb „nicht todernst wäre“. Wenn die Lebensersparnisse der Zyprer verloren sind, wird es viele Suizide sowie Mord und Totschlag geben.

  4. fischi sagt:

    Mal sehen was die obersten Europäischen Nachtmützen wieder für einen Unfug machen.
    Für Zypern und vor allem für seine Bewohner wird es ein Einschnitt unter dem sie noch Jahre zu leiden haben.
    Ich bin der Meinung ein Austritt aus dem Nachtmützenverein würde das Leiden des Volkes wesentlich verkürzen.

    • Uhupardo sagt:

      So oder so irgendwie ein Drama oder?
      Wenn in der Eurozone bleiben, dann Kapitalflucht bis auf Null und für unabsehbare Zeit am Tropf der EU, denn welches „Wirtschaftsmodell“ soll denn das Kasino absehbar ersetzen? Sparmassnahmen nach Anfoderung der Troika usw., das ganze Programm.

  5. Axel sagt:

    Das System befindet sich absolut in seinen Endzügen, daran bestehen nunmehr in keinster Weise mehr Zweifel.
    Es ist erschreckend mit anzusehen, was die Regierungen und dieser Wasserkopf Brüssel aus funktionierenden Staaten und deren Bürgern gemacht hat ……

    Denn eines ist bei allen Milliarden und abermilliarden nicht vorhanden – die Grundlagen für Wachstum der wirtschaft und arbeitsplätzen und solange dieses nicht gewährleistet ist, sind die staaten „Patienten an der Beatmungsmaschine“ – jeder weiß sie werden sterben, nur wahrhaben will es keiner – und die Banken und Regierungen sind die Ärzte, welche im zuge der „Patientenabkassierung“ – alles dafür tun, den Patienten so lange wie nur möglich am Leben zu halten, obwohl das dahinvegitieren (!) schon lange nichts mehr mit „Leben“ zu tun hat und auch sie wissen, dass der Patient nicht mehr zu retten ist……

    Keine Privatperson, kein Unternehmen hätte jemals so einen exorbitanten Kreditrahmen und vorallem auf Basis von Hinhaltungen, „Möglichkeiten“ und sonstigem Politikergeschwätz .

    Jede Bank würde Dich (auch berechtigt) vor die Tür jagen.

    Wer finanziell so handelt, ob in der Familie, im Unternehmen oder in „grossform“ – ala Staat oder Staatenverbund, muss auf kurz oder lang in die Insolvenz und den totalen Zusammenbruch rutschen. Dazu brauch man nicht mal ein semester BWL, das ist Grundschulwissen.

    in spätestens 4 Jahren herrscht in Europas Staaten Bürgerkrieg – soviel ist sicher !

  6. fischi sagt:

    Muß denn unbedingt noch ein Staat nach den Euro Ami Vorgaben geschreddert werden um ihn den IWF Vorgaben zu unterwerfen.
    Das Wirtschaftsmodell werden die Zyprioten schon selber finden wenn sie wollen.

  7. El Cuervo sagt:

    Sollte auch nur ein Hinweis auf eine mögliche Entwicklung sein.

  8. El Cuervo sagt:

    DWN hat den Artikel wieder von der Startweite genommen.

  9. El Cuervo sagt:

    Die Meldung wird nun auch bei einem anderen Verlag „gespiegelt“. Die Richtung scheint also schon bestimmt und es müssen noch die Details ausgearbeitet werden, warum der Deal ein grosser Gewinn für Europa und unser aller Zukunft ist.

  10. Rommé Zipfelmütze sagt:

    Wie lange soll das denn gehen mit diesen Kapitalverkehrskontrollen ? In den anderen Krisenländern werden die Investoren doch jetzt ihre Schäfchen in ins Trocken bringen. Bevor auch dort die EZB-Greifkommandos wieder zuschlagen !

  11. El Cuervo sagt:

    Bin ja mal gespannt, ob Luxemburg ab morgen einen aussergewöhnlich hohen Kapitalabfluss zu melden hat.

    • Uhupardo sagt:

      Diese schreckliche unmoralische Kasino Luxemburg oder? Muss sofort abgewickelt werden. Bankensektor 20x grösser als das BIP des Landes. Bisher das Modell, das alle bewunderten, dem alle nacheiferten, das alle beneideten. Das hat sich jetzt bestimmt ins ganze Gegenteil verkehrt. Wegen der Kleinsparer …

      • Rommé Zipfelmütze sagt:

        Aber in Luxemburg scheint ja das Geschäftsmodell „noch“ Prima zu funktionieren . Wie man hört will ja J.C. Juncker Chef der parlamentarische Monarchie in Luxemburg, unsere Femme fatale A.Merkel kräftig im Wahlkampf unterstützen. Aber vielleicht braucht er bis dahin auch Merkels Hilfe. Wenn der Bank in seinem Spielcasino die Jetons ausgehen.

  12. Volksverdummung sagt:

    1. Ruiniert oder gerettet?
    These: Zypern wäre mittelfristig besser dran, wenn es sich in Brüssel nicht unterworfen hätte.

    Was passiert nun?
    (1) Jetzt werden zunächst die „Einlagen“ diverser Kontoinhaber geplündert und gepfändet, weil der Staat vor der „Troika“ eingeknickt ist.

    (2) Die gemeinschaftlich verabredete Plünderung wird vielleicht einige Politiker, den Staat selbst jedoch nicht retten können, jetzt, wo der Inselstaat ein rechtsfreies Geschäftsmodell verpasst bekommen hat.

    (3) Die Abhängigkeit zypriotischer Banken von ELA-Mitteln bleibt wohl bestehen, aber der Staat dürfte davon -auch mittelbar- nur wenig Nutzen ziehen.

    (4) Die Kapitalverkehrskontrollen werden eine Dauereinrichtung bleiben, solange bis die „grossen Vermögen und Einlagen“ sich den Weg aus Zypern heraus geklagt haben -gegebenenfalls zzgl. Schadensersatz.

    (5) Die Russen könnten auf vorzeitige Rückzahlung der gegebenen Überbrückungskredite in Milliardenhöhe bestehen.

    FAZIT:
    Zypern ist nicht gerettet. Es wird nachhaltig ruiniert und finanziell abhängig gemacht.

    Ich hoffe, dass das Parlament in Nikosia nicht zustimmt!
    .
    HESSE
    .

  13. Volksverdummung sagt:

    …Rund um „Zyperns Rettung“, oder wer wurde da eigentlich „gerettet“, sind Fragen offen geblieben.

    Abgesehen von der Plünderung der Kunden, die juristisch „auf einer Erpressung des Recht setzenden Staates gründet“ und auf einer pseudolegalen und illegitimen Basis erfolgen wird:
    Warum haften „in Zypern“ die Kunden für die Eigentümer der Banken und deren vor- und nachrangig haftende Geldgeber?

    Mit welcher Summe haften die Bankeigentümer betroffener Institute, mit welcher Summe die Halter von Bankschuldverschreibungen?
    Mit welcher Summe haften „andere Banken“, die Zyperns Banken kurzfristige Liquiditätskredite („Interbankenkrediten“) gegeben haben?
    Mit Null (0,00) Euro?

    Für die „bad bank“, die man von der Laiki-Bank abspalten will, blecht wohl auch der Staat (= der zypriotische Steuerzahler).
    Bis alles komplett weg ist…
    .
    HESSE
    .

  14. pantoufle sagt:

    Was bei den Zahlenspielen um Zypern etwas im Hintergrund verschwindet, ist die hinter vorgehaltener Hand ausgesprochene Forderung, das Tafelsilber in Form der Häfen, Telekommunikationseinrichtungen und Energieerzeuger zu »privatisieren«. Das alles klingt eher nach »zur Plünderung freigegeben« als nach Rettung.
    Der Bankplatz Zypern ist Geschichte – was bleibt? Erdgas, das von ausländischen Konzernen ausgebeutet wird? Eigenbedarfslandwirtschaft, das dem Tourismus mit ländlicher Idylle in die Hände spielt? »Systemrelevant« für die EU kann so nur als »noch nicht vollständig ausgepresst« übersetzt werden. Die Argumentationskette der Anlage-Retter hat noch Nachholbedarf: Die unterstellte russische Geldwaschmafia ist etwas zu dürftig.

  15. Uhupardo sagt:

    Zypern ist durch die Rettung pleite – so knapp kann man es zusammenfassen.

    Stellen Sie sich vor, man würde morgen Luxemburg das Casino-Wirtschaftsmodell wegnehmen, wie man es auf Zypern getan hat – auch dort wäre die sofortige Pleite die unausweichliche Folge, mehr noch als auf Zypern.

    Die Mittelmeer-Insel wird auf unabsehbare Zeit am Tropf der EU-Gelder hängen und von derTroika beliebig geknebelt werden. Das ist das Ergebnis der letzten Nacht.

  16. Uhupardo sagt:

    Merkel und die SPD sind hocherfreut über das Ergebnis der Zypern-„Rettung“ und versichern „so muss das sein“, die Schuldigen müssten bluten.

    Derweil blutet erst einmal der Euro und sackt ab auf 1,287 Dollar …

  17. fischi sagt:

    Auf den Nachdenkseiten wird erklärt wie die angebliche Rettung aussieht.
    Erklären kann ich es nicht, da gibt es noch viele Unbekannte.

    http://www.nachdenkseiten.de/?p=16659#more-16659

    • Uhupardo sagt:

      Hätten wir schon zusammengefasst, aber weil es noch so wenig konkret ist, wurde das verschoben.

    • Volksverdummung sagt:

      @ fischi

      Danke für den Hinweis. Das ESM-Dope für Zypern (10 Mrd. Euro) muss ja erst noch in einigen Staaten parlamentarisch genehmigt werden.

      Bis dahin können die zu Beraubenden noch versuchen, Ihre Kundenkohle umzudeklarieren (humanitäre Zwecke, betriebliche Zwecke) und ausser Landes zu schaffen!
      .

      @ Uhupardo

      Wichtig.
      Ein „Schlichtungsgesetz“ rund um die so genannten „Preferentes“ in Spanien? Was geht da ab? Wäre m. E. ein wichtiges Thema, das in Deutschlands „Nachrichtenflow“ fast komplett ausgeblendet wurde. :-I
      Muss man bei den „preferentes“ nicht von einem typischen Kapitalanlagebetrugsmodell sprechen?
      .
      HESSE
      .

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