Investoren ziehen britische den deutschen Staatsanleihen vor

Das ist praktisch noch die passiert, seitdem es den Euro gibt: Deutschlands langfristige Staatsanleihen hatten am Donnerstag den zweiten schlechten Tag nacheinander.

Die Zinsen, die die Investoren von den 10-jährigen deutschen Papieren verlangten, waren sogar höher als die der britischen. Angesehen von wenigen Tagen im Jahr 2009 muss man bis ins Jahr 2000 zurück, um einen Moment zu finden, in dem Berlin mehr zahlen musste als London. Der Referenzkurs der deutschen Schuldenpapiere lag bei 2,19 Prozent gegenüber den 21,16 Prozent in London.

Noch interessanter ist, dass Deutschland diesmal von den sechs Milliarden zehnjähriger Anleihen nur 3,644 Milliarden platzieren konnte. Die Bundesbank blieb auf 2,356 Milliarden sitzen, die es nun in einer zweiten Runde anzubieten gilt. Zwar ist diese zweite erforderliche Runde nichts Neues, doch so ein grosser Betrag bei zehnjährigen Anleihen war seit 1995 nicht mehr übrig geblieben.

Die Interpretationen sind vielfältig. Ein Teil der Investoren befürchtet, Deutschland werde für die Schulden seiner europäischen Reisebegleiter am Ende auf die eine oder andere Weise bezahlen müssen (Rettungsschirme, Eurobonds). Andere sehen den Euro an sich bereits stark gefährdet und sehen Deutschland als Passagier erster Klasse auf der Titanic.

Nicht-europäische Anleger verkaufen bereits Euro in gewaltigen Mengen und kaufen Staatsanleihen ausserhalb des alten Kontinents.

Im Gegensatz dazu sind kurzfristige deutsche Papiere gefragt wie nie zuvor. Sogar bis zu dem Punkt, dass sie “Negativzins zahlen”, will heissen: Wer sein Geld in Deutschland kurzfristig parken will, muss inzwischen den Parkschein dafür selbst zahlen.

Krise nur im Kopf

Überall macht sich Angst breit. Nirgendwo ist eine Lösung in Sicht. Es ist zum Verzweifeln: Der Zusammenbruch des ganzen Systems zeichnet sich ab und trotzdem ändern sich die Denkmuster immer noch nicht.

Während die “Makroökonomen”
immer noch teilweise völlig abstruse Begründungen für die Krise liefern (“Die Erhaltung des Wohlfahrtsstaates ist schuld”) und andere darüber palavern, ob die EZB vielleicht doch am Ende unbegrenzt Staatsanleihen aufkaufen müsse, kann man nur noch verständnislos mit dem Kopf schütteln.

 

Rien en va plus – das System, in dem Geschäftsbanken Geld als verzinste Schuld schöpfen, ist definitiv am Ende und der Kollaps reine Zeitfrage. Weil es mathematisch gar nicht funktionieren kann: Wo die Zinsen im System nicht enthalten sind, wenn es nicht ständige rücksichtslose Neuverschuldung gibt sowie andauerndes Wachstum, müssen alle alten Rezepte hilflos bleiben: Entweder endlose Neuverschuldung oder Kaputtsparen – am besten beides immer schön abwechselnd.

Was so lange funktioniert hat, kann doch nicht ganz falsch sein? – Doch, kann es, weil es von der falschen Prämisse ausging, dass Neuverschuldung und Wachstum in einer Welt mit endlichen Ressourcen endlos sein könnten.

 

Geld ist die einzige Materie, deren Qualität allein durch die Quantität bestimmt wird. Damit sind Begriffe wie “Nachhaltigkeit” oder “Gesellschaftsvertrag” schon durch unser Geldsystem völlig unmöglich gemacht. Geld, das aus dem Nichts geschöpft und durch Zinsen und Zinsenszins unendlich vermehrt wird, ein riesiger Luftballon, der eines Tages platzen musste, an Warnungen hat es nicht gefehlt.

Vermutlich muss es noch viel schlechter werden, um besser werden zu können. Dabei ist die Lösung so schwierig wieder nicht. Wir haben uns irgendwann auf ein Geldsystem geeinigt, einigen wir uns halt auf ein anderes! Geld ist nur eine Fata Morgana, ein Konstrukt, das bisher mehrheitsfähig war, aber ganz sicher nicht “alternativlos” ist.

Zinsen können nur durch immer mehr Schulden bezahlt werden. Das ganze System frisst sich selbst durch die Notwendigkeit ständigen exponentiellen Wachstums von innen auf. Was ist daran so schwer zu verstehen?

Es wird dringend Zeit, dass immer mehr Menschen aus diesem alten längst verkehrsuntauglichen Vehikel aussteigen und sich Gedanken machen über den Tag nach dem Crash, der uns nicht erspart bleiben wird, weil er uns nicht erspart bleiben kann!

Die wahre Krise findet im Kopf statt und nur dort! Hören wir endlich auf, den “Experten” zu glauben, die weiterhin fordern, Heftpflaster auf offene, eiternde Wunden zu kleben. Bemühungen zur Rettung des aktuellen Systems sind verschenkte Kraft und vor allem verschenkte Zeit. Beides muss ab sofort und dringend in die Entwicklung eines neuen Modells einfliessen, das gesellschaftliche Nachhaltigkeit als oberste Prämisse hat.

Beschäftigen wir uns also mit Vollgeld, Fliessgeld, Grundeinkommen, Bandbreitenmodell, Bodenreform, Demokratie 4.0 … und was immer dazu geeignet ist, aus der Schockstarre heraus zu kommen, um endlich nach vorne zu denken, denn die Zeit wartet auf niemanden! Der einzig wirksame “Rettungsschirm” ist die völlige Umgestaltung eines Systems, das komplett am Ende ist. Es geht nicht um die Volksdroge, wer Recht hat – es geht darum, dass darüber konstruktiv und intensiv diskutiert wird!

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